
In unserer Serie über das neu aufgestellte Präsidium des Bayerischen Segelverbands geht es weiter mit Christine Schlockermann. Sie ist neue Vizepräsidentin für den Bereich Breitensport – und übernimmt damit ein Feld, das die große Basis des Segelsports in Bayern berührt: Vereine, Ehrenamt, Ausbildung, Familien, Fahrtenseglerinnen und Fahrtensegler, neue Wassersportangebote und die Frage, wie Menschen überhaupt den Weg aufs Wasser finden.
Ihre eigene Segelgeschichte begann nicht mit einem Amt, sondern mit einer Einladung: auf der „Wiking“ des Akademischen Seglervereins München, auf dem Ammersee, bei gutem Wind und diesem besonderen Gefühl, fast lautlos über den See zu gleiten. Aus dieser ersten Ausfahrt wurde eine Leidenschaft, aus der Leidenschaft ein gemeinsamer Weg mit ihrem Mann Klaus – und später ein langjähriges Engagement im Verein.
Heute ist Christine Schlockermann am Weißenstädter See im Fichtelgebirge zu Hause. Ein kleines Revier, das auf den ersten Blick vielleicht nicht zu den großen Namen im bayerischen Segelsport zählt, aber genau deshalb viel über Breitensport erzählt: über Gemeinschaft, Flexibilität, Ehrenamt und die Menschen, die einen Verein tragen. Für Schlockermann ist ein Segelverein mehr als ein Ort, an dem Boote liegen. Er ist ein Ort, an den man gerne zurückkommt.
Im Interview spricht Christine Schlockermann über ihren Weg vom Ammersee ins Fichtelgebirge, über kleine Reviere mit großem Zusammenhalt, über den BSV als Partner der Vereine – und darüber, warum Breitensport für sie vor allem bedeutet, Menschen willkommen zu heißen und ihnen den Zugang zum Segeln zu ermöglichen.
Christine, bevor wir über dein neues Amt, deine Visionen und Ideen sprechen: Wo beginnt deine eigene Segelgeschichte – und wie bist du vom Wasser schließlich in die Verbandsarbeit gekommen?
Meine Segelgeschichte begann eher zufällig. Während meines Studiums war ich zu einem Sommerfest des ASV, des Akademischen Seglervereins München, eingeladen. Dort ergab sich die Gelegenheit, auf der „Wiking“, dem größten Segelboot auf den bayerischen Seen, auf dem Ammersee mitzusegeln.
An diesem Tag passte einfach alles: guter Wind, die besondere Stimmung auf dem Wasser und dieses unbeschreibliche Gefühl, nahezu lautlos über den See zu gleiten. Nach dieser ersten Ausfahrt war für mich klar: Das will ich wieder erleben.
Also blieb ich dem ASV verbunden, lernte segeln und verbrachte viele Stunden auf dem Wasser. Dort lernte ich auch meinen Mann Klaus kennen. Gemeinsam waren wir mit verschiedenen Bootsklassen unterwegs, und der Segelsport wurde zu einem festen Bestandteil unseres Lebens.
Nach dem Studium zog es uns zurück in meine Heimat, ins Fichtelgebirge. Freunde fragten uns, ob wir nicht auch am Weißenstädter See segeln wollten. Ehrlich gesagt waren wir zunächst skeptisch. Nach dem Ammersee erschien uns unser See mit seiner Größe – ungefähr vergleichbar mit der Herrschinger Bucht – doch recht klein.
Diese Skepsis verflog allerdings sehr schnell. Denn wir haben gemerkt: Ein kleines Revier ist alles andere als langweilig. Lange Schläge geradeaus gibt es hier kaum. Stattdessen sorgen Böen, Thermik und die umliegenden Berge – Waldstein, Schneeberg und Ochsenkopf – dafür, dass der Wind ständig in Bewegung ist. Das macht das Segeln anspruchsvoll und abwechslungsreich.
Mit unseren Kindern wuchs auch unser Engagement im Verein. Zwölf Jahre lang war ich als Vergnügungswartin für das Vereinsleben verantwortlich – vom Hüttendienst über die Bewirtung bis hin zu gemeinsamen Veranstaltungen. Oft genug habe ich selbst gekocht, Kaffee ausgeschenkt oder den Hüttendienst übernommen. Seit inzwischen sechs Jahren bin ich zweite Vorsitzende unseres Vereins und unterstütze zusätzlich unseren Regattaleiter – meinen Mann Klaus – als Helferin bei Regatten.
Vor über 30 Jahren habe ich dann den Sportbootführerschein Binnen und See gemacht. Der Auslöser war eigentlich ein ganz praktischer: Unsere beiden Söhne waren noch klein, und ich wollte im Ernstfall selbst Verantwortung übernehmen und ein Boot sicher in den Hafen bringen können.
Anlässlich unseres 50-jährigen Vereinsjubiläums wurde ich gefragt, ob ich mir eine Aufgabe im Bayerischen Seglerverband vorstellen könnte. Das hat mich sehr geehrt. Mir war allerdings schnell klar, dass meine Stärken nicht im Leistungs- oder Spitzensport liegen. Meine Stärke sind die Menschen. Ich höre gerne zu, bringe Menschen zusammen und möchte Vereine unterstützen. Deshalb habe ich mich ganz bewusst für den Bereich Breitensport entschieden.
Du kommst aus einem Teil Bayerns, der im Segelsport nicht automatisch als Erstes genannt wird. Was prägt das Segeln in Weißenstadt und im Fichtelgebirge?
Viele denken zunächst, dass ein kleiner See auch ein einfaches Revier ist. Unsere erste Reaktion war ähnlich. Doch wir haben schnell festgestellt, dass die Größe eines Reviers wenig darüber aussagt, wie spannend Segeln sein kann.
Gerade im Fichtelgebirge sorgen Thermik und die umliegenden Berge dafür, dass der Wind ständig dreht und sich verändert. Man muss aufmerksam bleiben und sein Boot immer wieder neu trimmen. Das macht das Segeln bei uns besonders abwechslungsreich.
Genauso prägend ist aber die Gemeinschaft. In kleineren Vereinen kennt man sich, hilft sich gegenseitig und übernimmt Verantwortung. Dieses Miteinander ist für mich ein ganz wesentlicher Teil des Segelsports.
Was lernt man an einem kleineren Revier über Segelsport, das man an den großen bayerischen Seen vielleicht leichter übersieht?
Man lernt, flexibel zu sein – sowohl auf dem Wasser als auch im Vereinsleben.
Der Wind verlangt einem ständig Aufmerksamkeit ab. Gleichzeitig lernt man aber auch, dass ein Verein nur funktioniert, wenn alle mit anpacken. Gerade kleinere Vereine leben vom Ehrenamt. Jeder übernimmt Verantwortung – auf dem Wasser genauso wie an Land.
Diese Gemeinschaft hat mich über viele Jahre geprägt und zeigt mir bis heute, dass Segeln weit mehr ist als nur ein Sport.
Du übernimmst im BSV den Bereich Breitensport. Was bedeutet Breitensport für dich: einfach Freizeit auf dem Wasser – oder steckt mehr dahinter?
Breitensport ist für mich viel mehr als Freizeit auf dem Wasser. Er ist die Grundlage unseres gesamten Verbands.
Im Bayerischen Seglerverband sind über 200 Vereine mit mehr als 30.000 Seglerinnen und Seglern organisiert. Nur ein kleiner Teil ist im Leistungs- und Wettkampfsport aktiv. Die große Mehrheit segelt aus Freude am Sport, gemeinsam mit der Familie oder wegen der Gemeinschaft im Verein.
Der Leistungssport ist für unseren Verband von großer Bedeutung. Er macht unseren Sport sichtbar und bringt Athletinnen und Athleten hervor, die Vorbilder für unsere Jugend sind. Sie motivieren junge Menschen, ihren sportlichen Weg weiterzugehen. Das ist großartig.
Genauso wichtig ist aber die breite Basis. Ohne engagierte Vereine, Ehrenamtliche und Tausende Seglerinnen und Segler gäbe es keinen erfolgreichen Leistungssport. Leistungs- und Breitensport gehören deshalb für mich untrennbar zusammen.
Als Vizepräsidentin möchte ich vor allem Ansprechpartnerin für diese breite Basis sein. Ich möchte zuhören, die Anliegen der Vereine aufnehmen und gemeinsam Lösungen entwickeln.
Der Ausschuss Breitensport hat sich bereits als Team vorgestellt, das die Zukunft aktiv gestalten und den Vereinen praktische Unterstützung bieten will. Was heißt das jetzt konkret?
Mir ist wichtig, dass die Vereine merken: Der Bayerische Seglerverband ist für sie da – nicht nur auf dem Papier, sondern ganz praktisch. Per Mail bin ich immer direkt erreichbar.
Wir möchten Ideen vermitteln, den Erfahrungsaustausch fördern und konkrete Hilfestellungen geben. Oft muss nicht jeder Verein das Rad neu erfinden. Wenn ein Verein ein erfolgreiches Angebot entwickelt hat, sollten auch andere davon profitieren können.
Ich wünsche mir, dass der BSV als Partner wahrgenommen wird – mit offenen Ohren für die Anliegen der Vereine und mit dem Ziel, sie in ihrer täglichen Arbeit zu unterstützen.
Wenn du auf die bayerischen Vereine schaust: Wo gelingt es heute schon gut, Menschen niedrigschwellig aufs Wasser zu bringen?
Viele Vereine machen das bereits hervorragend. Sie öffnen ihre Türen mit Schnuppersegeln, Ferienprogrammen, Mitsegeltagen oder Veranstaltungen für Familien.
Entscheidend ist dabei gar nicht die Größe des Vereins oder die Anzahl der Boote. Entscheidend sind die Menschen, die andere begeistern können und ihnen das Gefühl geben: „Schön, dass du da bist.“
Genau so hat auch meine eigene Segelgeschichte begonnen – mit einer Einladung und der Möglichkeit, einfach einmal mitzusegeln.
Viele Vereine stehen vor der Frage, wie sie neue Mitglieder gewinnen und bestehende Mitglieder halten können. Was muss Segeln heute bieten, damit Menschen nicht nur einmal mitmachen, sondern dabeibleiben?
Menschen bleiben dort, wo sie sich willkommen fühlen.
Natürlich begeistert das Segeln selbst. Aber genauso wichtig ist das Vereinsleben. Freundschaften entstehen nicht nur auf dem Wasser, sondern auch beim gemeinsamen Grillen, bei Arbeitseinsätzen, Regatten oder einfach bei einer Tasse Kaffee auf der Clubterrasse.
Ein Verein sollte mehr sein als ein Ort, an dem Boote liegen. Er sollte ein Ort sein, an den man gerne zurückkommt.
Breitensport findet längst nicht mehr nur in der klassischen Jolle oder auf der Yacht statt. Welche Rolle spielen für dich neue oder niedrigschwellige Angebote wie Windsurfen, Wingfoilen, SUP, inklusive Angebote oder offene Mitsegel-Formate?
Ich finde es wichtig, offen für Neues zu sein.
Nicht jeder entdeckt seine Begeisterung für den Wassersport in einer Segeljolle. Vielleicht beginnt sie auf einem SUP, beim Wingfoilen oder durch ein offenes Mitsegelangebot.
Alles, was Menschen aufs Wasser bringt, ist eine Chance. Wenn daraus später Interesse am Segelsport und am Vereinsleben entsteht, haben wir viel gewonnen.
Was brauchen kleinere Vereine, damit sie nicht nur irgendwie weitermachen, sondern ihre Zukunft aktiv gestalten können?
Vor allem engagierte Menschen.
Ohne Ehrenamt funktioniert kein Verein. Aber Ehrenamt braucht Unterstützung und Wertschätzung. Viele investieren unzählige Stunden für ihren Verein.
Deshalb wünsche ich mir, dass wir ihnen ihre Arbeit erleichtern – durch Austausch, Informationen, Fortbildungen und den Kontakt zu anderen Vereinen. Niemand sollte das Gefühl haben, mit seinen Herausforderungen allein zu sein.
Wie kann der BSV Vereine im Alltag konkret unterstützen – bei Ausbildung, Vereinsentwicklung, Ehrenamt, Kommunikation oder neuen Angeboten?
Ich sehe den Bayerischen Seglerverband als Dienstleister für seine Vereine.
Wir können Wissen bündeln, gute Ideen sichtbar machen, Ansprechpartner vermitteln und den Austausch fördern.
Mir ist aber genauso wichtig, zuzuhören. Die Vereine wissen selbst am besten, wo sie Unterstützung brauchen. Deshalb möchte ich den Dialog stärken und gemeinsam mit den Vereinen Lösungen entwickeln.
Wenn du drei Jahre nach vorn schaust: Woran sollen Vereine, Seglerinnen und Segler merken, dass sich im Breitensport etwas bewegt hat?
Ich wünsche mir, dass die Vereine sagen: „Der Bayerische Seglerverband ist näher an uns herangerückt.“
Wenn sich Ehrenamtliche gut unterstützt fühlen, wenn neue Ideen ihren Weg in die Vereine finden und wenn die Menschen merken, dass ihre Anliegen ernst genommen werden, dann haben wir viel erreicht.
Und wenn dadurch noch mehr Menschen Freude am Segelsport finden und unsere Vereine als lebendige Gemeinschaft erleben, wäre das für mich der größte Erfolg.
Zum Schluss persönlich: Gibt es ein Revier, ein Boot oder einen Segelmoment, der für dich besonders gut erzählt, warum dieser Sport Menschen ein Leben lang begleiten kann?
Es gibt viele besondere Momente. Ich hatte das Glück, in der Karibik zu segeln, mehrfach im kroatischen und slowenischen Revier und im Mittelmeer unterwegs zu sein und erst vor Kurzem von Barcelona nach Nizza zu segeln – mit einer Nachtfahrt über den Golf du Lion. Das war ein beeindruckendes Erlebnis.
Und trotzdem denke ich oft an meinen ersten Segeltörn auf der „Wiking“ auf dem Ammersee zurück. Damals wusste ich noch nicht, wohin mich dieser Tag führen würde – zu meinem Mann, zu unserer gemeinsamen Leidenschaft, zu unserem Verein im Fichtelgebirge und schließlich bis in den Bayerischen Seglerverband.
Segeln ist für mich deshalb viel mehr als ein Sport. Es verbindet Generationen, schafft Freundschaften und bringt Menschen zusammen. Ich habe durch den Segelsport unglaublich viel geschenkt bekommen. Für mich war es deshalb immer selbstverständlich, auch etwas zurückzugeben. Denn eines habe ich im Laufe der Jahre gelernt:
Geben ist schöner als nehmen.
Dein Lieblingsrevier in Bayern?
Der Weißenstädter See – meine seglerische Heimat. Klein, anspruchsvoll und mit einer wunderbaren Gemeinschaft.
Ein Boot, auf dem du sofort wieder ablegen würdest?
Ganz klar die „Wiking“. Dort hat meine Segelgeschichte begonnen.
Segeln, Surfen, SUP oder einfach Füße ins Wasser?
Ganz klar Segeln. Aber ich freue mich über alles, was Menschen aufs Wasser bringt.
Was macht einen Verein einladend?
Ein ehrliches „Schön, dass du da bist!“ Das ist wichtiger als jede perfekte Infrastruktur.
Ein Angebot, das jeder Segelverein einmal ausprobieren sollte?
Ein offener Mitsegeltag. So können Menschen ganz unkompliziert erleben, wie faszinierend unser Sport ist.
Was darf an einem guten Tag am See nie fehlen?
Wind – und danach Zeit für gute Gespräche auf der Clubterrasse.
Dein persönlicher Segeltraum, der noch offen ist?
Ich durfte viele seglerische Träume bereits erleben. Heute wünsche ich mir vor allem, gesund zu bleiben, noch viele gemeinsame Törns mit meinem Mann und meiner Familie zu unternehmen und dabei immer wieder neue Menschen und Reviere kennenzulernen.
