
Silberner Kieler und Bayrische Meisterschaft am Tegernsee, 30. August 2026
Wie schon häufiger in den Vorjahren war die traditionsreiche Regatta "Silberner Kieler" am Tegernsee in diesem Jahr wieder als Bayrische Meisterschaft ausgeschrieben. Den Meldezahlen tat das offenbar gut, denn es gingen immerhin 15 Teams an den Start, davon 11 aus bayrischen Vereinen. Vorgesehen waren bis zu 6 Wettfahrten, was für eine zweitägige Veranstaltung ambitioniert klingen mag, aber bei den um diese Jahreszeit vorherrschenden thermischen Bedingungen durchaus realistisch ist.
Der Lago di Tegarino darf als eines der attraktivsten deutschen Reviere für den Kielzugvogel gelten. Das gilt nicht nur wegen der landschaftlichen Schönheit, sondern auch wegen der relativ verlässlichen Thermik, die bei spätsommerlichen Schönwetterlagen für ideale Wettsegelbedingungen sorgt, bei denen all das zur Geltung kommt, was das Kieler-Segeln so reizvoll macht: Segeltrimm, Segeltechnik und Segeltaktik. Man muss halt nur bereit sein, am Sonntagmorgen noch vor der aufgehenden Sonne an der Startlinie zu sein. Und dann ist da noch die hervorragende kulinarische Versorgung durch Christiano's Aqua Bistro, die der ganzen Sache ein echtes italienisches Flair verleiht.
Auch wenn die ersten Anreisenden am Freitagabend mit einem Unwetter begrüßt wurden, zeichnete sich ab, dass sich in den nächsten beiden Tagen die erhoffte Thermikwetterlage einstellen würde. Frohgemut traf man sich daher am Vorabend zum Plausch im berühmten Tegernseer Brauhaus.
Am nächsten Tag ging es dann auch schon zeitig los. Ausgeschrieben war das erste Ankündigungssignal für 13:00. Zur Überraschung einiger Bummelanten hielt sich Wettfahrtleiterin Julia Theiss auch daran mit dem Ergebnis, dass es einige Teams gerade noch so schafften innerhalb der Vier-Minuten-Frist nach dem Startsignal die Startlinie zu überqueren. Zu diesem Zeitpunkt wehte der Wind wie erwartet mit 2-3 Bft. aus nördlicher Richtung. Die Rundentafel zeigte 2 Runden Up-and-Down an. Nach knapp 40 Minuten gingen Herbert und Elisabeth Kujan als Erste durchs Ziel.
Schon während der ersten Wettfahrt zeigte der Wind ab und zu eine kurze Schwächephase. Deswegen war der Wettfahrtleitung daran gelegen, keine Zeit zu verschwenden. Das musste eigentlich auch im Interesse der Kombattanten liegen, aber im Übereifer kam es beim Start zur zweiten Wettfahrt erst einmal zu einem Massenfrühstart. Von da ab wurden die weiteren Starts nur noch mit Flagge U durchgeführt. Im zweiten Versuch klappte es dann auch und es ging einigermaßen zügig Richtung Luvtonne. Danach aber drohte der Wind gänzlich einzuschlafen. Konsequent entschied sich die Wettfahrtleitung mit Flagge S für eine Bahnabkürzung mit Zieldurchgang an der Leetonne. Nicht allen Teilnehmern schien die Bedeutung der Flagge jedoch geläufig zu sein. Einige kreuzten daher vorsichtshalber nach dem Runden der Leetonne nochmal zum Startschiff auf und lieferten sich einen Luvkampf mit ihren ebenso desorientierten Gegnern. Eine Mannschaft vermutete sogar einen Abbruch der Wettfahrt und kehrte deshalb noch vor Erreichen der Leetonne zum Startschiff zurück, was ihr ein DNF einbrachte. Sieger in dieser Wettfahrt wurden Volker Göbner und Vivien Selent.
Nachdem der Wind wieder ein wenig zugelegt hatte, entschied sich die Wettfahrtleitung für eine dritte und letzte Wettfahrt an diesem Tag. Eingeschüchtert von den verschärften Startbedingungen reihten sich die Boote brav hinter der Startlinie auf. Wer aber nicht mehr so richtig mitspielen wollte war Äolus. Im löchrigen und drehenden Wind zog sich das Feld weit auseinander. Quälend langsam schoben sich die Boote über den Parcours und am Ende der zweiten Runde überquerten Herbert und Elisabeth Kujan mit deutlichem Vorsprung vor allen anderen die Ziellinie.
Zurück an Land, erwartete die Segler ein wunderbares Käsebuffet der Naturkäserei Tegernseer Land mit Brez'n und Freibier. Hier wurde das zuvor Erlebte noch einmal ausgiebig diskutiert wie es nun einmal Brauch und Sitte ist. Danach blieb noch ein wenig Zeit für Duschen und Umziehen, bevor es dann zu Christiano ging, der mit seiner Küchenmannschaft wieder einmal ein köstliches italienisches Drei-Gänge-Menü servierte. Zwischen neun und zehn lichteten sich dann aber allmählich die Reihen, weil jeder wusste, dass die Nacht kurz werden würde.
Eigentlich waren für diesen Tag auch Drohnenaufnahmen für ein Imagevideo geplant gewesen. Dazu kam es aber leider nicht. Nachdem die Drohne gestartet war, um sich aus großer Höhe einen Eindruck vom Regattafeld zu verschaffen, versagte der sogenannte Lagesensor plötzlich seinen Dienst. Ob durch einen heimtückischen Angriff aus einer der umliegenden russischen Millionärsvillen oder einen simplen technischen Defekt, wird wohl nicht mehr abschließend zu klären sein. Jedenfalls geriet die Drohne ins Trudeln und strebte, den Gesetzen der Erdanziehungskraft folgend, mit wachsender Geschwindigkeit auf die Wasseroberfläche zu, um alsbald für immer in den Tiefen des Tegernsees zu versinken.
Für Sonntagmorgen war das erste Ankündigungssignal auf 07:00 festgesetzt worden, um den zu erwartenden morgendlichen Südwind nutzen zu können. Um das dann am unteren Seeende liegende Startgebiet rechtzeitig zu erreichen, sollte man spätestens um 06:15 den Hafen verlassen haben.
Entgegen der Wettervorhersage hatte sich in den frühen Morgenstunden eine Wolkenschicht gebildet, die drohte, die erwartete Thermik zu stören. Glücklicherweise begannen die Wolken aber, sich wieder aufzulösen, während die ersten Segler den Hafen verließen. Der Südwind hatte da schon eingesetzt und wehte stabil mit 3 Bft. Hier und da fielen ein paar Tropfen und dann begann ein einzigartiges Naturschauspiel: Im Morgenlicht bildete sich über den Bergen am Westufer ein prächtiger doppelter Regenbogen und schloss in seiner Mitte den noch leuchtenden Mond ein. Trotz zahlreicher Versuche lässt sich die Erhabenheit dieses Moments auf keinem Foto adäquat einfangen.
Beseelt von diesem himmlischen Zeichen ging es an den Start zur vierten Wettfahrt, der pünktlich und reibungslos verlief. Um ein klares Signal an die eigentlich gar nicht so wilde Horde zu setzen, hatte sich die Wettfahrtleitung von Beginn an für Flagge U beim Start entschieden. Nach zwei Runden ging das Team mit dem Siegerabo wieder als Erstes durchs Ziel. Die fünfte Wettfahrt wurde anschließend ebenfalls zügig gestartet, aber dann kam es wieder zu Gerangel an der Startlinie. Das hätte für die Startliniensünder übel ausgehen können, wäre nicht gleich das halbe Feld vorzeitig über die Startlinie gefahren. Ob aus Solidarität oder geblendet von der aufgehenden Sonne wird sich nicht mehr abschließend klären lassen. So kam es zu einem Sammelrückruf, der die Geduld der Wettfahrtleiterin ernsthaft auf die Probe stellte. Für diesmal ließ sie aber Gnade vor Recht ergehen und startete einen zweiten Anlauf mit Flagge U, der reibungslos gelang. Was den Sieg anbelangt, ging auch diese Wettfahrt an Herbert und Elisabeth. Mit dem sicheren Gesamtsieg in der Tasche konnten sich die beiden anschließend schon auf den Rückweg begeben, während das übrige Feld der sechsten Wettfahrt entgegenfieberte.
Diese Wettfahrt läutete die Regattaleitung mit der Black Flag ein. Das Signal verfehlte seine Wirkung nicht und so kam es bei inzwischen strahlendem Sonnenschein zu einem schönen letzten Rennen, das Amir Malki und Marc Roell für sich entscheiden konnten.
Schon vor zehn Uhr konnten die ersten Boote wieder auskranen und bis zum verdienten italienischen Frühstück bei Christiano lagen fast alle Boote wieder auf ihrem Hänger.

Da die ersten drei Plätze in der Gesamtwertung alle von einer bayrischen Mannschaft belegt wurden, sind die Sieger des Silbernen Kieler vom Tegernsee zugleich auch die Sieger der Bayrischen Meisterschaft. Herzlichen Glückwunsch an die neuen und alten bayrischen Meister Herbert und Elisabeth Kujan, sowie die neuen und alten bayrischen Vizemeister Amir Malki und Marc Roell und die Drittplatzierten Wolfgang Niessen und Wencke Kirst.
Ein herzliches Dankeschön geht auch an den Yachtclub Tegernsee mit all seinen Helferinnen und Helfern, der unter der organisatorischen Leitung des neuen Flottenkapitäns Christoph Haag ein rundum gelungenes Event auf die Beine gestellt hat. Dazu beigetragen hat nicht zuletzt Anita Dengel, die sich in liebevoller und kompetenter Weise der diätetischen Belange einiger Teilnehmer angenommen hat.
Hilmar Schneider
