"Die Menschen machen den Unterschied" - Ein Interview mit BSV Vize Jürgen Mitsch über neue Strukturen im bayerischen Leistungssport, Rahmenbedingungen und Entwicklungspotenziale

09.06.2026

In unserer Serie über das neu aufgestellte Präsidium des Bayerischen Segelverbands geht es weiter mit Jürgen Mitsch. Er ist neuer Vizepräsident für den Bereich Leistungssport und übernimmt damit ein Feld, in dem es um Talente, Trainer, Trainingsstrukturen, Vereine, Stützpunkte und sportliche Perspektiven geht.

Mitsch kommt selbst nicht aus dem klassischen Leistungssport. Eine große Chance, denn gerade deshalb richtet sich sein Blick nicht nur auf Ergebnisse, Kader oder Regattabahnen, sondern auch auf die Frage, welche Rahmenbedingungen Leistung überhaupt möglich machen. Wie müssen Trainerinnen und Trainer unterstützt werden? Wie lassen sich junge Seglerinnen und Segler langfristig entwickeln? Und wie kann Bayern seine Vereine, Reviere und Strukturen noch besser miteinander verbinden?

Im Interview spricht der neue Vizepräsident über seinen eigenen Weg zum Segeln, über seinen Blick von außen, über Verantwortung im Verband und darüber, was er im bayerischen Leistungssport anstoßen möchte.


Jürgen, bevor wir über dein neues Amt sprechen: Wo beginnt deine eigene Segelgeschichte – und wie bist du vom Segler schließlich in die Verbandsarbeit gekommen?

Die beginnt eigentlich beim Surfen. Mit 11 Jahren hatte ich mein erstes eigenes Surfbrett, mit 12 den ersten Segelschein. Als Jugendliche waren wir schon alleine auf einer Yacht im Mittelmeer unterwegs. Während des Studiums habe ich Surfkurse gegeben. Meine Segelvita kennt also eigentlich keine Vereinsstrukturen und ist eher von Herausforderung, Spaß, Geschwindigkeit, viel Wind und der Suche nach Erlebnis geprägt. Eben vom Surfen kommend. Ich habe viele Bootsklassen gesegelt, einen ehemaligen 12 mR Americas Cupper, Formula 18 oder dieses Jahr über 500 Meilen nonstop mit einem Mini 650. In einen Segelclub kam ich erst durch unsere Kinder, die Regatta segeln. Und so kam ich auch zum Verband. Unser Jüngster kam überraschend in den Landeskader. Daraus entstand erst Engagement ohne Amt – und schließlich die Frage, ob ich diese Themen nicht auch im BSV weiter voranbringen möchte


Du übernimmst im BSV den Bereich Leistungssport, kommst aber selbst nicht aus dem klassischen Leistungssport. Manche könnten das zunächst ungewöhnlich finden. Wie blickst du auf diese Außensicht – und was reizt dich gerade daran, Strukturen mitzugestalten, in denen Leistung entstehen kann?

Zumindest Segeln habe ich nicht als Leistungssport betrieben, das stimmt. Das hat mich anfangs auch zögern lassen.
Diese Situation ist für mich aber eigentlich nicht ungewöhnlich, sondern entspricht meinen beruflichen Erfahrungen: in neue mit unbekannte Themengebiete zu gehen, Potenziale zu erkennen und gemeinsam mit den Fachleuten tragfähige Lösungen zu entwickeln. Ich habe früh erkannt, Branchenkompetenz ist in den meisten Strukturen genug vorhanden, es braucht aber eine andere Kompetenz etwas daraus zu machen. Die seglerische Fachkompetenz liegt bei unseren Trainern; meine Stärke ist es, gemeinsam mit ihnen gute Strukturen für den Leistungsnachwuchs zu schaffen.


Wenn du auf den bayerischen Segelsport schaust: Welche Rolle sollte Leistungssport im Verband künftig spielen – nicht als abgeschottete Spitze, sondern als Teil eines lebendigen Segelsystems?

Was mich schmerzt, ist, dass der Segelkader von manchen Vereinen als Wettbewerber gesehen wird. Dabei soll der Leistungssport kein Gegenmodell zum Verein sein, sondern eine Ergänzung: Die Kinder bleiben im Vereinstraining und bekommen zusätzlich Förderung auf einem Niveau, das im nationalen und internationalen Vergleich nötig ist. Uns muss klar sein: Ohne so ein Trainingsprogramm ist unser Nachwuchs im Segelleistungssport gegenüber anderen chancenlos. Und warum sollten wir – auch als Vereine - dies unseren Segelkindern und – jugendlichen, die das gerne machen möchten, vorenthalten und Ihnen nicht die Chance geben?
Dazu kommt: Wer sich früh und intensiv mit dem Segeln identifiziert, bleibt dem Sport oft langfristig erhalten – auch später als Trainer, Wettfahrtleiter, Jurymitglied oder Funktionsträger im Verein. Deshalb brauchen wir beides: eine starke Basis und einen offenen, transparenten Leistungssport für Vereine, Kinder und Jugendliche.


Was braucht der bayerische Leistungssport, damit Trainerinnen und Trainer junge Seglerinnen und Segler früh erkennen, gut fördern und langfristig entwickeln können?

Ganz klar. Eine breite Basis und den Austausch mit den Vereinen und den Vereinstrainern. Vor allem an Letzterem müssen wir arbeiten. Unser Problem ist, dass wir bei den vielen Mitgliedsvereinen die entsprechenden Personen und auch die Sportler garnicht kennen. Daher der Appell: Tretet mit uns in Kontakt und bringt Euch ein. Wir freuen uns darauf, uns mit Euch auszutauschen. Macht mit uns Regionaltrainings.


Welche Rahmenbedingungen müssen besser werden, damit Vereine, Stützpunkte, Trainerteams und Athletinnen und Athleten verlässlicher zusammenarbeiten können?

Oft heißt es, die Rahmenbedingungen für Leistungssport in Deutschland seien schlecht. Für Bayern kann ich das so nicht bestätigen, denn unsere Leistungssportler werden bei der Trainingsfinanzierung durch das Land Bayern erheblich unterstützt. Entscheidend ist, dass sich noch mehr Sportler und Vereine dafür interessieren, mit uns in Kontakt treten und sich mit uns vernetzen. Wir würden am liebsten jedes segelnde Kind und jeden segelnden Jugendlichen in Bayern kennen, damit jedes Talent auch seine Chance bekommt. Abonniert den Newsletter, verlinkt unser Insta Profil, kommt zu unseren Veranstaltungen!


Im Segeln ist der Weg vom ersten Regattastart bis zur nationalen Spitze lang. Wo gehen unterwegs aus deiner Sicht zu viele Talente verloren – und was kann der Verband tun, damit dieser Weg klarer und attraktiver wird?

Das lässt sich ganz klar an 3 Punkten festmachen:

  • Zuerst der Übergang vom Opti in die Jugendbootsklassen. Die Kinder bleiben viel zu lange im Opti. Wenn sie dann mit Ende 15 in die nächste Klasse wechseln, ist der Zug längst abgefahren und die verbleibende Zeit reicht nicht sich zu entwickeln und gegen andere zu segeln, die schon mehrere Jahre in dieser Bootsklasse sind. Wenn man erfolgreich im Opti war, macht hinterhersegeln keinen Spaß und dadurch hören viele auf. Aus meiner Sicht sollten die Kinder mit 12 über die nächste Bootsklasse nachdenken.
  • Der nächste Zeitpunkt ist das Ende in der Jugendbootsklasse. In den Nachfolgebootsklassen (z.B. 49er, 470er, Nacra) gibt es weder Trainingsgruppen noch Regatten und es fehlen entsprechende Anschlussangebote. Den jugendlichen bleibt dann nur Segelbundesliga, Mittwochsregatta oder eben aufhören.
  • Der dritte Punkt, diesmal auf den Leistungssport bezogen ist die Schnittstelle Landeskader zu Bundeskader und die Zeit bis zum Olympiakader. Die enge Community und das intensive Trainingsprogramm im Landeskader fallen weg. Wir als Landesverband dürfen sie nicht mehr fördern und der DSV ist stärker auf die kommenden olympischen Spiele fixiert. Die Jugendlichen, die sicher noch mindestens 10 Jahre bis zum Olympiakader brauchen fallen dann in ein Loch. Die finanziellen Anforderungen steigen und die Perspektive ist unklar. Normal, dass in diesen 10 Jahren viele dann das Handtuch werfen und sich auf Studium oder Job konzentrieren.

Bayern hat viele starke Vereine und sehr unterschiedliche Reviere. Wo siehst du besondere Chancen, daraus ein noch besseres Trainings- und Förderumfeld zu entwickeln?

Ich würde die Frage gern anders stellen: Warum sollten Kinder überhaupt Segelleistungssport betreiben – und warum sollten wir sie darin fördern?
Die Chancen, dass jemand zu Olympia fährt sind verschwindend gering. Dazu kommt ein immenser zeitlicher und finanzieller Aufwand vor allem auch für das Umfeld, die Eltern. Warum also das alles?
Das besondere am Segeln ist, dass es Geist, Körper und Charakter fordert. Eine Regatta ist wie Schach, nur dass alle Figuren gleichzeitig ziehen, sich das Schachbrett permanent verändert und das Ganze, während man gleichzeitig körperlich an seine Grenzen geht.

Wenn ich mir anschaue, wie sich die Jugendlichen im Leistungssegeln entwickeln, wie sie körperlich topfit werden, wie sie selbständig werden, wie sie als Team zusammenwachsen, wie sie lernen mit Siegen umzugehen und mit noch mehr Niederlagen (denn vergessen wir nicht, bei einer Regatta sind 3 glücklich und 100 andere enttäuschte Verlierer), ein irres Trainingspensum absolvieren und auch noch die Schule meistern, dann ist es diese Entwicklung, die Zählt. Ich weiss, es ist nicht immer unkritisch das Wort in den Mund zu nehmen, aber hier bildet sich Elite aus, die auch später im Beruf und in der Gesellschaft Verantwortung übernehmen und ihren Weg gehen wird. Auch wenn Segeln dann vielleicht nur noch ein schönes Hobby bleibt. Ist das nicht etwas, was wir allen Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft wünschen und gerne ermöglichen wollen?


Ein erster sichtbarer Aufschlag war die neue Kaderkleidung, die bei der YES in Kiel erstmals verteilt wurde und bei den Seglerinnen und Seglern sehr gut ankam. Was war dir daran wichtig – und welche Rolle spielen Sichtbarkeit, Zugehörigkeit und ein gemeinsames Auftreten für den bayerischen Leistungssport?

Die Lorbeeren gebühren unserem Sportmanager Rainer Nittel und Landestrainer Bastian Henning. Für uns ist es wichtig, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu kreieren und auch zu zeigen, dass wir stolz sind. Jeder von uns ist Botschafter für Bayern und den bayerischen Segelsport. Wenn wir verlieren, verstecken wir uns nicht, sondern tun das mit Größe und mit Bayern auf dem Rücken und wenn wir gewinnen auch.

Was mich sehr freut ist, dass die verschiedenen Bootsklassen bei uns immer mehr zusammenwachsen. Alle unsere Kader bekommen seit Neuestem auch die Möglichkeit gemeinsam Foilingklassen zu testen. Dort lernt man sich bootsklassenübergreifend kennen. Und das führte bei der YES zum Beispiel dazu, dass die Sportler in gemischten Teams essen und danach am Strand Volleyball spielen.


Gibt es ein Boot, eine Klasse, einen Törn oder ein Erlebnis auf dem Wasser, das dich besonders geprägt hat – und was sagt dieses Erlebnis über deine Sicht aufs Segeln?

Ich hatte am Beginn meiner beruflichen Laufbahn viele stressige Phasen. Und ich hatte in Berlin eine Jolle am Wannsee. Damit rauszusegeln war der Moment wo ich wirklich abschalten und nur im hier und jetzt sein konnte.


Wenn du drei Jahre nach vorn schaust: Woran sollen junge Seglerinnen und Segler, Trainerteams und Vereine merken, dass sich im bayerischen Leistungssport etwas bewegt hat?

Ich finde entscheidend ist, dass wir lieber jeden Tag einen kleinen Schritt machen um besser zu werden. Und ich wünsche mir, dass wir eine Struktur hinterlassen, die in sich stabil ist, unabhängig von den handelnden Personen.


Kurz gefragt:

Ein Boot, auf dem du jederzeit wieder ablegen würdest?
 Die Würze liegt in der Vielfalt.

Ein Revier, das dich seglerisch geprägt hat?
Der Wörthersee. Da bin ich mit 10 zum ersten Mal an einer Surfschule vorbeigelaufen und dann habe ich dort den Rest des Urlaubs jeden Tag von morgens bis abends verbracht.

Lieber Trainingsgruppe am Morgen oder langer Schlag in den Abend?
Ganz klar der lange Schlag in den Abend.

Was macht für dich einen guten Trainer aus?
Der einen Sportler ganzheitlich entwickelt und für den das Wohl des Sportlers an erster Stelle steht.

Ein Satz, den junge Seglerinnen und Segler öfter hören sollten?
Winners are just losers who refused to quit.

Was gehört für dich zu einem guten Leistungssport-Umfeld unbedingt dazu?
Die Menschen, die es tragen. Sportler, Trainer, Sportdirektor, das Umfeld wie die Sportlereltern, … Die Menschen sind die, die den Unterschied machen.

Dein persönlicher Segeltraum, der noch offen ist?
Mit meinen Kindern eine längere Zeit auf einem Segelboot durch Mittelmeer zu cruisen. Ohne Ziel und Zeitdruck.

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