Das Feuer ist zurück: Wie Philipp Buhl seine Leidenschaft wiederfand

Philipp Buhl

Abdruck Text und Fotos mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung


Mit seinem sechsten Sieg bei der Kieler Woche hat der Sonthofer Philipp Buhl einen weiteren Rekord aufgestellt. Dabei musste der 30-Jährige nach dem WM-Titel viel kämpfen.

Er schreibt seine Geschichte weiter. Mit dem sechsten Erfolg bei der Kieler Woche hat sich Philipp Buhl zum alleinigen Rekordhalter des prestigeträchtigen Segel-Events aufgeschwungen. "Keine Frage, es ist immer besonders gerade in Kiel zu gewinnen. Der sechste Sieg ist eine Hausnummer", sagt der 30-jährige Sonthofer. "Dabei bin ich sicher nicht mit solch großen Erwartungen gekommen. Nicht in diesem Jahr." Denn der Athlet vom Segelclub Alpsee-Immenstadt hat allein in den vergangenen sieben Monaten emotional eine aufreibende Achterbahn erlebt.

Buhl feiert Sternstunde bei der WM in Australien
Seine historische Sternstunde in Australien hatte Buhl im Februar endgültig in den Olymp des Segelsports gehoben: Vor Melbourne war der 30-Jährige in einer atemberaubenden Gala als erster Deutscher in der Geschichte zum langersehnten Weltmeistertitel in der Laser-Klasse gesegelt. Doch schon früh nach dem größten Triumph seiner Laufbahn griffen die natürlichen Mechanismen des Sports bei Buhl. "Ich war müde nach der WM, ich hatte weniger Antrieb – das war erschreckend", gesteht die ehemalige Nummer eins der Weltrangliste. "Ich bin über Jahre in eine Rolle hineingewachsen: Koffer packen, Flüge, Reisekostenabrechnung, Weltcups, Terminplanung – und das Ganze von vorne. Ich hatte nie Zeit, runterzufahren." Diese Aufgabe übernahm im März sein Kopf.

Und so hatte die Corona-Krise neben der wettkampffreien Zeit im planmäßigen Olympia-Jahr für Deutschlands mehrmaligen Segler des Jahres vor allen Dingen einen Effekt: "Ich habe es verstanden, andere Dinge in meinem Leben einzubinden, als nur den Sport", sagt Buhl: "Und auch hier ist manchmal weniger mehr. Einfach mal in Ruhe an einem Ort leben – das hat mir Kraft gegeben." Der Sonthofer ist viel geradelt, war im Berg, am See, zu Hause bei den Eltern. "Meine Energie für das Segeln war weg, ich habe eine Pause gebraucht – die kam zur rechten Zeit", sagt Buhl.

Philipp Buhl: "Wenn nichts mehr brennt, gibt's nichts zu holen"
Das Glück eines Weltmeisters schien vollkommen – die Motivation für neue Ziele aber fehlte. Die Lösung für diesen Konflikt hat Philipp Buhl im unverhofft ruhigen Sommer lange gesucht. Und zwar so, wie er über Jahre zu einem Großen des Sports geworden ist: sich und seine Arbeit immer und immer wieder hinterfragend, messerscharf analysierend, alles auf den Prüfstand stellend. "Das unmittelbare Ziel von Olympia in Tokio war weg, und ich habe mich gefragt, wie ich das Feuer in mir und meine Leidenschaft wiederfinden könnte. Denn wenn nichts mehr brennt, dann gibt’s nichts mehr zu holen", sagt Buhl.

Philipp Buhl
Mit dem sechsten Triumph bei der Kieler Woche schwang sich der Sonthofer Philipp Buhl zum alleinigen Rekordhalter des prestigeträchtigen Segel-Events auf. (Foto: Christian Beeck)

Während des Sommers in Kiel ist der 30-Jährige nur selten gesegelt, hat weniger akribisch gearbeitet, zwar gewissenhaft, aber auch mit bewusstem Freiraum. "Die Planung, nach der Krise unbedingt sofort bombenstark rauszukommen, war für mich schwachsinnig. Ich wollte, und musste erstmal die Füße hochlegen, Kraft tankten und dann überlegen, wann man wieder gezielt startet, auf solidem Grundniveau, um bei Olympia ’21 in Topform zu kommen." Neben der privaten Ablenkung widmete sich der Laser-Weltmeister viel der Klasse der "Motte", einer im Vergleich zum schlichten Laser ungleich komplexeren wie auch schnelleren Bootsklasse.

Furioser Schlusstag bei der Kieler Woche
Erst drei Trainingslager, zwei in Kiel, eins in Norwegen, sollten die Form für die Kieler Woche schärfen. "Ich war nicht vollkommen sicher, dass meine Form gut ist – zu gewinnen wäre möglich gewesen, aber sicher kein Selbstläufer", sagt Buhl rückblickend. "Aber man verlernt das ja auch nicht – der Wissensstand ist in den vergangenen Jahren gewachsen – und da geht, wenn überhaupt, nur die Übung verloren." Und so kam dem Weltmeister der Starkwind in der zweiten Wochenhälfte entgegen. Buhl setzte sich nach einer soliden Regatta vor allem am Schlusstag mit einem Tagessieg und einem dritten Rang an die Spitzenposition vor den Briten Elliot Hanson und Michael Beckett. "Es läuft manchmal fast erschreckend selbstverständlich. Aber es ist schön zu sehen, wie sehr manche Details und automatisierten Abläufe trotz der langen Pause passen", sagt Buhl nach seinem sechsten Kieler-Woche-Sieg.

Denn nicht mehr als 30 Trainingstage absolvierte Deutschlands Ausnahmesegler seit seinem WM-Coup von Melbourne auf dem Laserboot. Und nach dem derzeitigen Trainingslager in Warnemünde und einem weiteren in Kiel steht für den amtierenden Weltmeister ab dem 8. Oktober mit der EM im polnischen Danzig auch schon der Abschluss der verkürzten Saison auf dem Plan. Nach einer weiteren Segelpause soll ab November im Fitnesstraining und ab Januar auf dem Wasser der Grundstein für die Olympia-Saison 2021 gelegt werden.

"Ich möchte langsam und stetig steigern, um 2021 in der Spitze zu sein. Alles mit Bedacht", sagt Philipp Buhl. "Es ist eine wichtige Lektion, die ich aus der WM und aus 2019 gelernt habe. Immer alles kontrollieren zu wollen ist ungut, dann entscheidet man nicht mehr frei. Ich muss im Kopf meine Freiheit behalten. Wenn der WM-Titel etwas bewirkt hat, dann das."

Text: Ronald Maior - Fotos: Sascha Klahn, Christian Beeck
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung